8
Ich trat mit einer einzigen Bewegung die Tür ein und stürmte ins Zimmer.
Diesmal waren es keine betrunkenen Leemjäger, die sich vergnügen wollten.
Diese Sorte kannte ich. Die Männer waren Mörder. Es waren vier. Groß, schlank, selbstbewußt, sonnengebräunt, muskulös und raubtierhaft. Ihre Rapiere und Dolche waren schlicht, aber zweckmäßig.
Sie trugen dunkle Kleidung – einfache Tuniken und gutpolierte Lederteile, hohe schwarze Stiefel und breitkrempige graue Hüte; die langen blauen Federn warfen einen Schatten über ihre Gesichter, in denen die Augen leemhaft schimmerten.
Einer der Männer hatte Tilda um die Hüfte gepackt, und sein Dolch schwebte über ihrem weißen Hals. Ein zweiter stand bleich und zusammengekrümmt da und hielt sich den Bauch – und die beiden anderen fuhren zu mir herum. Keine schlechte Ausgangsbasis für den Lord von Strombor.
Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken. Der Dolch sollte sich in Tildas Hals senken, und obwohl sich Pando verzweifelt zwischen die Beine des Angreifers warf, konnte er ihr so nicht helfen. Ich hatte Rapier und Dolch in den Händen und warf den Dolch. Die Waffe zuckte wie ein Sonnenstrahl durch das Zimmer und bohrte sich in den Hals über der schwarzen Tunika. Der Mann keuchte und ließ seine Waffe fallen. Die Knie knickten ihm ein; doch ich konnte mich nicht mehr um ihn kümmern, denn waffenrasselnd warfen sich die beiden anderen Männer auf mich.
Unsere Klingen trafen sich, und ich mußte dem Angriff zunächst etwas hilflos ausweichen, denn meine linke Hand war leer.
Ich stach dem ersten Angreifer in den Unterleib, zog mich zurück und hieb wild nach dem zweiten, allerdings ohne den Schlag zu vollenden. Ich sprang vielmehr zurück, so daß er mit seinem Dolch ins Leere parierte.
Daraufhin stieß ich ihm das Rapier ins Herz. Als ich die Waffe zurückzog, zeigte sich die Feigheit dieser Männer in der Handlungsweise des letzten. Er mußte erkennen, daß er einem Meisterkämpfer gegenüberstand und keine Chance hatte. Er warf sich also mit einem Hechtsprung durch das Fenster. Krachend verschwand er mitsamt dem Glas und einem Teil des Rahmens.
Mit einem Satz eilte ich zur Fensteröffnung und blickte hinab.
Der Mörder rappelte sich auf; sein Gesicht war noch immer grün von dem Tritt, den ihm Tilda versetzt hatte. Außerdem hatte ihm das zerspringende Glas zugesetzt.
Inch wanderte pfeifend auf den Roten Leem zu.
»Inch!« rief ich. »Wenn es nicht gegen deine Tabus verstößt, nimm doch bitte den Burschen in Gewahrsam – aber behandle ihn nicht zu sanft!«
»Oho!« sagte Inch, lief herbei und versetzte der Kehrseite des Mannes einen gewaltigen Tritt. Ich sprang aus dem Fenster, landete federnd wie ein Leem, packte den Burschen an seiner Tunika und gab ihm einen kräftigen Nasenstüber. Das Blut spritzte, aber ich schlug ihn nicht bewußtlos.
»Rede, du Rast! Oder ich schneide dir die Leber aus dem Leib und röste sie!«
Er stotterte etwas, etwas von Marsilus und Gold, dann strömte ihm Blut aus dem Mund, und er brach zusammen.
Inch sah mich gekränkt an.
»So hart habe ich ihn nicht getreten, Dray. Auch dein Nasenhieb hätte keine Fliege umgebracht – warum ist er also tot?«
Ich war ärgerlich.
»Er muß sich bei dem Sprung durch das Fenster verletzt haben – vielleicht ist er auch verkehrt gelandet. Bei den widerlichen Nasenlöchern von Makki-Grodno! Der Bursche ist tot, und damit Schluß!«
Wir ließen ihn liegen, damit er von den Mobilen von Pa Mejab mitgenommen werden konnte, die sich später mit unserer Erklärung des Tathergangs vollauf zufriedengaben. Wir kehrten zu Tilda und Pando zurück.
Der Fremde, den ich zuerst niedergestochen hatte, lag noch im Sterben. Doch es gab nichts weiter zu entdecken. Pando sammelte vier Rapiere und vier Dolche ein, die er später für gute Silberdhems wieder verkaufte, und Inch nahm die besten Lederstiefel, die ihm paßten – denn seine Füße waren ungewöhnlich lang und dünn. Auch ich bediente mich mit einem Paar – als kleine Ergänzung meiner Garderobe. Ebenso waren uns zwei der breitkrempigen Hüte willkommen, während die Tuniken weder Inch noch mir paßten – ich hatte zu breite Schultern, und Inch war zu schmal –, so daß wir den Rest der Sachen verkauften.
»Wenn nach den Burschen gefragt wird«, sagte ich zu Nath, dem Wirt, »dann sag uns Bescheid, bei Zim-Zair, und wir beschäftigen uns mit dem Fragesteller!«
Aber solange wir in Pa Mejab waren, belästigte uns niemand wegen der vier Männer.
»Sie sind hereinstolziert und wollten wissen, ob Schauspielerin Tilda und ihr Sohn Pando hier wohnten«, sagte der alte Nath, den der Zwischenfall ziemlich mitgenommen hatte. Er führte ein angesehenes Haus, was er auch tun mußte, denn sonst wäre Tilda nicht bei ihm aufgetreten. Solche Vorgänge gefielen ihm ganz und gar nicht.
Keiner der vier Toten hatte persönliche Dinge bei sich, die auf seine Identität schließen ließen. Abgesehen von dem Geld und den üblichen Gegenständen lieferten sie keine Hinweise. Inch überlegte, ob er sich diskret auf den Schiffen erkundigen sollte; doch Tilda sprach sich besorgt dagegen aus.
Ich hatte den Eindruck, daß sie vielleicht mehr über die Angelegenheit wußte, als sie verraten wollte. Schließlich waren Inch und ich Fremde für sie.
Nath hatte sämtliche Zimmer vermieten können, so daß es am Abend im Schankraum ziemlich voll war. Tilda hatte darauf bestanden aufzutreten, was Nath mit Erleichterung vernahm, denn ihre Berühmtheit hatte sehr zur Belebung seines Geschäfts beigetragen.
Als Tilda schließlich fertig war, brandete ein Applaus auf, der die Dachbalken erzittern und die Weinbecher klirren ließ. Sie setzte sich an meinen Tisch, wie sie es immer tat. Der alte Nath hatte nichts dagegen, daß ich einen Tisch besetzte, solange ich meine Getränke bezahlte wie jeder andere Gast. Zuweilen trank ich gar nichts, um mein mühsam zusammengekratztes Geld zu sparen, doch heute abend war das anders. Als Tildas leidenschaftlicher Vortrag gerade beginnen sollte, erblickte ich ein junges Paar am Eingang, das sich enttäuscht umsah. Sie war jung, schlank und schwanger. »O Pando«, sagte sie. »Es ist ja gar nichts mehr frei!« Ihr Mann war ein Soldat, ein Hikdar, der in seiner tomboramischen Uniform recht gut aussah. Natürlich bot ich den beiden Plätze an meinem Tisch an, und Wil, der an dem Abend bediente, brachte Gläser und Wein, so daß wir nach Tildas Auftritt bereits Freundschaft geschlossen hatten, wie es in den Grenzgebieten üblich ist. Inch hatte wieder mal ein Tabu gefunden und setzte sich nun ebenfalls zu uns, wobei er sich Sägespäne aus dem langen Haar bürstete.
Das junge Paar hatte viele Neuigkeiten zu berichten. Der Hikdar war Kavallerist und hoffte hier an der Grenze des pandahemischen Reiches viele Abenteuer zu erleben. Er hieß Pando – Pando na Memis. Seine Frau wurde Leona genannt.
»Memis«, sagte Tilda und hob ihren Weinkrug. »Das kenne ich – die hohen roten Klippen, die im Meer versinken, die Inseln und ihre Möwen – ah! Viele Millionen Möwen! – und der Wein!« Sie lachte. »Weitaus milder auf der Zunge als dieser Erthyrdrin.«
Pando na Memis sah sie verwirrt an und bestellte ihr sofort einen anderen Wein. Ein Großteil des kregischen Handelsverkehrs ist auf diese Art von Warenaustausch zurückzuführen. Es ist nun mal ein unangenehmer Zug der menschlichen Natur, daß das Gras des Nachbarn stets grüner ist, und so wurde eben Wein aus West-Erthyrdrin in Turismond getrunken, während wir in Zenicce pandahemischen Wein genossen und die guten Jahrgänge Zenicces nach Vallia exportierten. Die vallianischen Weine wurden in alle Länder Kregens verschifft.
Trunkenheit gibt es auf Kregen selten. Nur wenige Kreger finden, daß sich ein erwachsener Mann betrinken sollte, und meine beiden Ruderkameraden Nath und Zolta, die sich durchaus zu vergnügen wußten, habe ich niemals im Vollrausch erlebt, wie er in gewissen sogenannten zivilisierten Ländern der Erde sehr oft anzutreffen ist. Die Kreger schlagen gern mal über die Stränge – das heißt, sie vergnügen sich. Sich bis zum Erbrechen zu betrinken, macht aber wirklich keinen Spaß.
Das Gespräch ging weiter, und Pando na Memis erzählte uns von seinen Zukunftsplänen, daß er sich auf einen Kampf freue – was Leona besorgt zur Kenntnis nahm – und daß die Tomboramer über die alte lohische Straße durch die Klackadrin vorstoßen wollten.
»Nachdem das alte Reich von Walfarg zusammengebrochen war«, sagte Pando, »muß sich das Land zurückentwickelt haben. Die Unwirtlichen Gebiete sind noch immer da und warten auf den Starken, der hineinreitet und die Macht übernimmt. Eines Tages, und zwar bald, werden die Tomboramer das tun – vor den Rasts aus Vallia oder Menaham oder sonstwoher!«
Ich brummte etwas vor mich hin, ohne mich direkt zu äußern.
Plötzlich fiel der Name Marsilus. Ein Adliger dieses Namens, alt, greisenhaft, schon ziemlich verrückt, war vor kurzem in Tomboram gestorben, und sein Vermögen, das unvorstellbar groß sein sollte, war einem Neffen zugefallen, der zugleich Neffe des Königs war. Pando na Memis pfiff durch die Zähne, als Tilda ziemlich heftig, so wollte mir scheinen, fragte: »Ist das Erbe denn wirklich so wertvoll?«
»Und ob! Es reicht an das Vermögen des Königs heran. Nachdem nun Murlock Marsilus, der Neffe, auf dem Erbe sitzt, wird sich der König freuen. Bleibt alles in der Familie. Der alte Marsilus hatte zwar einen Sohn, der aber leider gestorben ist.«
Vorsichtig erkundigte sich Tilda: »Ist der Sohn den enterbt worden?«
»Aber keinesfalls. Aber er ist tot – und es ging das Gerücht, er sei in Unehren verbannt worden. Er hätte unter seinem Stande geheiratet, so wird jedenfalls erzählt. Weiß doch jeder – sicher hast du auch davon gehört?«
»Ja.«
»Ich nicht«, sagte ich.
Nachdem ich erläutert hatte, wer ich war – ohne mich allerdings zu sehr an die Wahrheit zu halten, das möge Zair mir vergeben –, fuhr Pando na Memis fort: »Murlock Marsilus ist jetzt Kov von Bormark, aber es heißt, der alte Kov, der alte Marsilus, habe auf seinem Totenbett nach seinem Sohn verlangt. Er bedauerte seine Strafe für den Sohn, als er starb. Es hat auch einen Enkel gegeben – der natürlich keine Chance auf den Titel und das Vermögen hat, nachdem nun Murlock mit Einverständnis des Königs darauf sitzt.«
»Den alten Mann hatte das Entsetzen gepackt«, sagte Inch weise. »So etwas kennt man ja. Er wollte die Eisgletscher Sicces mit sauberer Seele und sauberen Händen betreten. Man kann sich die Szene vorstellen!«
Ich beugte mich vor. »Der König«, sagte ich, »und dieser Marsilus, Kov von Bormark, der gestorben ist. Waren sie Brüder?«
»Ja«, sagte Leona und lächelte mich an. »Du mußt aus einem wilden, ungezähmten Teil der Welt kommen!«
»Allerdings«, sagte ich. »Das kann man wohl sagen!«
Das Gespräch wandte sich anderen Themen zu, doch mir fiel auf, daß Tilda plötzlich sehr still geworden war. Der verhaßte Name Vallia wurde erwähnt – und allerlei Klatsch kam zur Sprache. Plötzlich machte mein Herz einen Sprung, als Leona mit einer gewissen Boshaftigkeit, die nach den Umständen erklärlich war, anmerkte: »Prinzessin Majestrix von Vallia! Diese stolze, hochmütige Dame! Ihr Vater, der Herrscher, hat ihr die Ehe verordnet ...«
»Die Ehe!« brüllte ich – und entsetzt lehnten sich alle zurück. Sie mußten gesehen haben, wie sich mein Gesicht zu der Teufelsfratze verzog, die schon ganz andere entsetzt hatte. Ich zwang mich zur Ruhe. Meine Delia! Meine Delia, Prinzessin Majestrix von Vallia, wurde von ihrem tyrannischen Vater gezwungen, eine Ehe einzugehen – mit einem ungeliebten Dummkopf seiner Wahl! Ich mußte in diesem Augenblick mühsam an mich halten. Ich entschuldigte mich nicht, sondern sagte nur: »Du hast von Delia gesprochen, Leona. Bitte erzähle weiter.«
Leona kam meiner Bitte nach, auch wenn ihre Stimme zitterte. Und als sie weitersprach, überkam mich eine große, süße Erleichterung, und ich konnte wieder freier atmen. Denn meine Delia hatte sich ihrem Vater widersetzt. Sie hatte sich glatt geweigert, den Mann zu heiraten, der ihr bestimmt worden war. Sie hatte sich gegen die mächtige Person des Herrschers gestellt und ihm offen gesagt, sie würde nicht heiraten. Sie würde niemals heiraten!
Daraufhin tat mein Herz einen neuen Sprung.
Meine Delia hatte geschworen, niemals zu heiraten?
War das möglich? Glaubte sie wirklich, daß ich sie verlassen hatte, wie es der heimtückische Vallianer vorgehabt hatte, der mich betäubt unter den Dornefeubusch warf? Hatte der abgefeimte Plan Erfolg gehabt?
Ich mußte nach Vallia fahren – und doch, hatte ich es denn plötzlich eiliger als vorher? Wenigstens wußte ich, daß Delia in Sicherheit war und daß es ihr gut ging. Sie weigerte sich zu heiraten. Der Herrscher war noch bei bester Gesundheit und durchaus bereit, so berichtete Leona, abzuwarten und seine einzige Tochter als Jungfer schmoren zu lassen, bis sie den Mann seiner Wahl heiratete. Er wollte sie nicht zwingen; er wollte Zeit und Natur ihren Lauf lassen.
Es hatte einen Augenblick gegeben, da ich Delia aus den Blauen Bergen in den Armen gehalten und ihren geliebten Körper an mich gepreßt hatte. Und ich hatte gewußt, daß keine andere Frau auf zwei Welten ihr das Wasser reichen konnte – es gab nicht ihresgleichen! Dabei hatte ich viele Frauen gekannt, auffällig schöne Frauen, die arrogant und mächtig waren, geschmeidige, anmutige Frauen von kühner Schönheit, leidenschaftliche und mutige Frauen, und doch waren sie mir neben meiner Delia nur wie Kerzen neben der Sonne Zim vorgekommen. Ich war fest davon überzeugt gewesen, daß Delia mir die gleichen Gefühle entgegenbrachte, so wenig ich dieses Wunder verdient hatte. Delia war mein ein und alles. Nein – sie würde sich nicht von mir abwenden, sie durfte es nicht!
»Alles in Ordnung, Dom?« fragte Inch besorgt.
»Aber ja, lieber Freund. Habe ich eben ein Tabu gebrochen?« Er lachte leise, schob mir Wein hin, und ich trank und verdrängte fürs erste das Problem des vallianischen Herrschers. Aber die Frage war noch nicht endgültig geklärt, sie schwelte in meinem Unterbewußtsein weiter. Ich mußte nur ein wenig Abstand gewinnen.
Leona, die sich nun ausgiebig über den Skandal der Prinzessin Majestrix ausgelassen hatte, erzählte wieder vom Kov von Bormark und sagte, wie schön es wäre, wenn all das Geld ihrem Pando gehörte. Pando lachte und erwiderte – durchaus weise, wie ich fand: »Das Geld mag ja ganz angenehm sein, meine liebste Leona, aber was mit dem Geld kommt – das ist etwas ganz anderes.«
Tilda saß schweigsam am Tisch und trank von ihrem Wein, und ich sah plötzlich, wie sich ihr Gesicht verhärtete. Ich fuhr herum. Der junge Pando huschte auf bloßen Füßen als Aushilfskellner zwischen den Tischen herum. Ein großer Bursche in der blauen Tunika eines Seemanns versetzte ihm gerade einen Schlag gegen die Schläfe.
»Bring mir eine Flasche, du Wicht aus Sicce! Beeil dich, kleiner Teufel!«
Pando nahm das Tablett und die Gläser vom Boden auf, so weit sie nicht zerbrochen waren. Jemand anders – ebenfalls ein Seemann aus der Armada – versetzte ihm einen ärgerlichen Tritt, als Pando ihn dabei anstieß.
Tilda hob die Hand an den Mund. Ihre violetten Augen waren geweitet und funkelten zornig. Ihr Mund war halb geöffnet und schmerzhaft verzogen. Ich stand auf.
Der alte Nath eilte herbei. »Dray, ich bitte dich ...«
Der Seemann lachte brüllend. Er war groß und stämmig.
»Du hast neuerdings sehr miese Kundschaft«, sagte ich zu Nath.
»Bitte, Dray ...!«
Ich ging zu dem Seemann, der bereits wieder nach dem kleinen Kellner brüllte, und packte ihn am Kragen seiner blauen Tunika. Als er mit den Beinen zu strampeln versuchte, versetzte ich ihm einen Schlag unter das Kinn – ein Hieb genügte – und trug ihn horizontal aus dem Raum. Das geschah schnell und unauffällig, und der alte Nath legte die Hände zusammen und warf einen Blick zum Himmel.
Draußen stellte ich den schweren Burschen gegen die Wand und sagte: »Du hast einen Jungen geschlagen, du Kleesh! Es mag ein Fehler sein, es mag barbarisch sein und gegen die göttlichen Gebote Zairs verstoßen – aber ich kann keine Männer ausstehen, die Kinder schlagen!«
Nicht ganz ohne Reue – denn natürlich beging ich eine Sünde – versetzte ich ihm einen Schlag in den Magen. Ich wartete ab, bis er sich erbrochen hatte. Dann gab ich ihm einen Tritt in die Kehrseite und sagte ihm, er solle verschwinden. Anschließend kehrte ich in den Roten Leem zurück, wo ich auch ein Lächeln für Tilda zustandebrachte.
Der alte Nath hatte am Tisch der Matrosen schnell eine Runde spendiert und die Wogen der Erregung wieder geglättet.
Als ich mich setzte, sagte Pando na Memis: »Das war der Kapitän eines Argenter, wußtest du das?«
»Na, hoffentlich!« erwiderte ich. »Nath hat schließlich ein angesehenes Lokal.«
Tilda sagte, sie sei müde, und wir standen auf, als sie den Tisch verließ. Der Abend rauschte weiter, und schließlich dachte ich daran, daß ich mich ja morgen um ein Schiff kümmern mußte, und ging ebenfalls zu Bett.
Als ich nach oben kam, stand Tilda vor ihrer Tür und winkte mich zu sich. Sie hatte gewartet. In ihrem Zimmer brannte eine Lampe.
Ich setzte mich auf das Bett, während Tilda unruhig im Zimmer hin und her ging. Sie trug ein langes jadegrünes Gewand, das im Lampenschein angenehm schimmerte. Ihre helle Haut bildete einen herrlichen Kontrast zur Seide. Das schwarze Haar wehte bei jedem Schritt. Sie wanderte herum wie ein eingeschlossener Leem.
»Du brauchst nicht zu flüstern, Dray. Pando schläft, und es müßte schon ein Unwetter losbrechen, um ihn zu wecken. Ich habe ihn zu Bett geschickt nach dem – Zwischenfall.« Ihre vollen Lippen preßten sich zusammen. »Als ich das vorhin sah, fiel meine Entscheidung.«
»Was für ein Leben kann er hier schon führen, hier an der Grenze?«
Sie ballte die Fäuste und öffnete sie. Und wieder schritt sie auf den Walfarg-Teppichen hin und her.
»Der alte Nath hat ein ganz ordentliches Wirtshaus – für Pa Mejab. Und doch kann einmal so etwas geschehen wie heute.« Ich versuchte sie anzulächeln, aber das gelang mir nicht – und so sagte ich tonlos und wohl auch ziemlich brutal: »Du mußt ihn nach Hause bringen und das beanspruchen, was ihm zusteht.«
Die weiße Hand berührte ihren Hals. Erschrocken blieb sie stehen und sah mich an, und ihre violetten Augen waren weit aufgerissen.
»Was? Du weißt Bescheid – woher weißt du das?«
»Es war nicht schwer zu erraten, Tilda. Bei Zim-Zair! Sein Vater muß ein echter Mann gewesen sein!«
»O ja! O ja! Marker Marsilus. Und er hätte heute Kov von Bormark sein können, wenn er nicht in dieser verseuchten Hölle gestorben wäre! Und Pando ist sein Sohn.«
»Du willst doch damit sagen, Tilda, daß dein Sohn in Wirklichkeit Pando Marsilus, Kov von Bormark, ist. Nach Recht und Gesetz ist er das. Habe ich recht?«
Sie sah mich seltsam aufgeschreckt an, wie ein Risslaca, der einen Vogel beobachtet. »Ja, Dray Prescot. Nach Recht und Gesetz.« Sie atmete tief, und ihre nächsten Worte überraschten mich derart, daß ich erstaunt auffuhr:
»Ich will nach Tomboram reisen und Pandos Erbe fordern. Dray Prescot – kommst du mit uns und hilfst du Pando und mir? Willst du unser Champion sein?«